Galle

Viele denken, dass es sich bei der Galle um ein Organ handelt. Tatsächlich handelt sich dabei aber um eine Flüssigkeit, die ein Hohlorgan namens Gallenblase speichert. Die Leberzellen produzieren pro Tag etwa einen halben Liter der Gallenflüssigkeit. Für die Verdauung von Fetten spielt die Flüssigkeit eine sehr wichtige Rolle. Sie hilft uns so die eine oder andere Schlemmerei zu verkraften. Wenn sie Probleme verursacht – meistens in Form von Gallenkoliken – sind Ärzte schnell bereit, die Gallenblase zu entfernen.


© Irochka, Galle


Das Warnsystem der Verdauung – Deftiges Essen belastet Magen und Leber. Die Gallenblase unterstützt sie bei der Fettverdauung. Ist sie überfordert, reagiert sie mit einer Kolik. Ich könnte Gift und Galle spucken!“, „Mir kommt gleich die Galle hoch!“ Wenn überhaupt, fällt der Ausdruck „Galle“ meist nur, wenn jemand Ärger bekunden möchte. Die Sprüche gehen auf die Zeit zurück, als die Galle im Zentrum der hippokratischen Gesundheitslehre stand. In der modernen Medizin spielt sie eine kleine Rolle, kann aber großen Ärger verursachen.

Medizinische Laien denken oft, dass es sich bei der Galle um ein Organ handelt. Tatsächlich ist die Galle aber eine Flüssigkeit, die in einem Hohlorgan namens Gallenblase gespeichert wird. Anatomie und Funktion sind vielen unbekannt. Erst wenn Beschwerden auftreten, fällt den Betroffenen auf, dass sie eine Gallenblase samt Galle besitzen. Denn so klein das Organ auch ist, kann es doch große Schmerzen verursachen. Und das kommt sehr oft vor – 190 000 Operationen pro Jahr in Deutschland sprechen für sich. Damit ist das der Eingriff, den Chirurgen am häufigsten durchführen. Inzwischen reicht sogar ein einziger kleiner Schnitt durch den Bauchnabel, um die Gallenblase zu entnehmen. Doch so überflüssig, wie es scheint, ist besonders die Gallenflüssigkeit nicht.

Ein Sekret mit wichtiger Aufgabe

Die Leberzellen produzieren pro Tag etwa einen halben Liter der Gallenflüssigkeit. Über kleine Kanäle gelangt das Sekret in den Lebergang. Der mündet in die Gallenblase, einem Hohlorgan, das die Galle speichert. Die Farbstoffe Bilirubin und Biliverdin sorgen für die gelblichgrüne Färbung der Flüssigkeit. Sie besteht zu 82 Prozent aus Wasser und zu zwölf Prozent aus Gallensäuren. Die verbleibenden sechs Prozent machen Gallensalze, Mineralsalze, Cholesterin, Farbstoffe, Stoffwechselabbauprodukte und Schleim aus. Ihr Schattendasein hat die Galle im Grunde nicht verdient. Denn für die Verdauung von Fetten spielt die Flüssigkeit eine sehr wichtige Rolle und hilft uns so die eine oder andere Schlemmerei zu verkraften. Ihre Aufgabe ist es, im Zwölffingerdarm die Fette in der Nahrung zu kleinen Tröpfchen zu zersetzen, damit fettspaltende Enzyme (Lipasen) diese abbauen können. Zudem führt das Sekret Abbauprodukte der Leber zur Ausscheidung in den Darm. Galle verlässt nicht mit dem Stuhlgang den Körper, sondern wird am Ende des Dünndarms zurückgewonnen. Über das Blut gelangt das Sekret dann wieder in die Leber.

Eine Blase als Vorratskammer

Die Gallenblase (Vesica biliaris) speichert als eine Art Vorratskammer bis zu 50 Milliliter Galle. Das birnenförmige Hohlorgan ist sechs bis zehn Zentimeter lang und bis zu vier Zentimeter breit. Es liegt an der Unterseite der Leber und ist, mit Ausnahme der Stellen, die der Leber anliegen, mit Bauchfell überzogen. Am unteren Ende (kaudal) ist sie über Gallengänge mit dem Zwölffingerdarm verbunden.

Die Innenschicht besteht aus Schleimhaut (Tunica mucosa), die als Schutz vor den aggressiven Gallensäuren dient und dem Sekret über kleine Ausstülpungen Wasser entzieht, um es einzudicken. Mithilfe einer Muskelschicht kann sich die
Gallenblase nach sehr fetthaltigen Mahlzeiten zusammenziehen, um den Saft in den Gallengang zu pressen. Der führt hinter dem Zwölffingerdarm entlang und mündet in den Darm, wo die Fettverdauung stattfindet.

Ein Relikt aus früherer Zeit

Die Galle und die Gallenblase haben also wichtige Funktionen. Trotzdem können Menschen zumindest ohne das gelblichgrüne Hohlorgan gut leben. Grund dafür ist unsere regelmäßige Ernährung. Unsere Vorfahren mussten längere Zeiten ohne Nahrung überstehen. In diesen Phasen produzierte die Leber auch weniger Galle. Was an Sekret vorhanden war, speicherte die Gallenblase. Wenn dann nach einer erfolgreichen Jagd oder Ernte große Mengen an Essen vorhanden waren, musste der Darm die Fettverdauung plötzlich ankurbeln und brauchte dazu dringend die gespeicherte Galle aus der Gallenblase. Heutzutage ist unser Darm täglich reichhaltiges Essen gewohnt. Der kontinuierlich leichte Gallenfluss von der Leber in den Darm, der auch nach Entfernung der Gallenblase bestehen bleibt, reicht aus, um das Fett zu verdauen. Es ist also in der Regel nicht mehr nötig, für Fälle von Völlerei größere Mengen der Gallenflüssigkeit auf Vorrat zu halten.

Die Steine des Anstoßes

Die meisten Beschwerden verursachen Gallensteine. Sie bilden sich in der Gallenblase jedes sechsten Erwachsenen in Deutschland – in 75 Prozent der Fälle bekommt der Betroffene gar nichts davon mit (sogenannte stumme Steine). Sobald die Steinchen jedoch mit dem Sekret in die Gallengänge gespült werden, dort stecken bleiben und so die Flüssigkeit stauen, können sie ernste Krankheiten auslösen. Blockieren die Steine die Gänge über längere Zeit, können sie, je nach Lage, Entzündungen der Gallenblase, der Gallengänge und der Bauchspeicheldrüse, Darmverschluss, Gelbsucht,
schwere Leberschäden oder in sehr seltenen Fällen sogar Gallenblasenkrebs verursachen.

Überernährung als Hauptursache

Gallensteine entstehen, wenn die Zusammensetzung des Gallensafts aus dem Gleichgewicht gerät. Durch die veränderte Zusammensetzung können drei verschiedene Sorten von Steinen entstehen: Pigmentsteine aus Bilirubin, Steine aus Cholesterin und Kombinationssteine, die aus Pigmenten, Cholesterin und Kalk bestehen. Bei ganzen 70 Prozent aller Gallensteine handelt es sich um Cholesterinsteine, die meistens eine fett- und kohlehydratreiche, ballaststoffarme Ernährung, Übergewicht und Bewegungsmangel fördern. Übergewichtige weiße Frauen um die 40 gelten als besonders gefährdet und sollten daher eine ärztlich betreute Ernährungsumstellung in Betracht ziehen.

Mediziner sprechen von der sogenannten 5-F-Regel: female (weiblich), fat (übergewichtig), fertile (fruchtbar), forty (40) und fair (blond und hellhäutig). Forscher vermuten, dass das Hormon Östrogen die Gallensteinbildung begünstigt. Warum und wie genau sich das Hormon auswirkt, ist aber noch nicht gänzlich erforscht. Neue Studien der Universität Leipzig haben zudem gezeigt, dass auch die Genetik eine große Rolle spielt, wenn sich Gallensteine bilden.

Inzwischen gehen Forscher davon aus, dass genetische Faktoren 25 Prozent der Ursachen ausmachen. Beispielsweise konnten Studien nachweisen, dass Indianerstämme in Südamerika die Neigung zur Bildung von Gallensteinen an ihre Nachkommen vererben. „Es ist letztendlich ein Zusammenspiel von Schicksal, Erbanlagen und Umweltfaktoren“, sagt Joachim Mössner, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik II der Universitätsklinik Leipzig und Schatzmeister der Mitteldeutschen Gesellschaft für Gastroenterologie.


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Ein Kommentar

  • […] häufig innerhalb der nächsten Tage oder Monate zu erneuten Koliken. Ist die Zusammensetzung der Galle einmal gestört gewesen, reagiert die Gallenblase in Zukunft noch sensibler auf […]

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